Heimatmuseum mit Wasserburg Friedewald

August Spies - Ein hessischer Auswanderer gerät in Amerika in die Schlagzeilen

Im Verlauf des Jahres 1872 bestieg der damals 16jährige August Spies, Sohn eines Försters aus dem hessischen Dorf Friedewald bei Hersfeld - wie ca. 115.000 andere Bewohner des Deutschen Reiches in jenem Jahr - ein Auswandererschiff nach Amerika. Fünfzehn Jahre später musste er in dessen neuer Metropole Chicago auf das Schafott steigen, um dort "am Hals aufgehängt zu werden, bis dass er tot ist", wie es das Schwurgericht unter Richter Gary am 9. Oktober 1886 verfügt hatte, das ihn und sieben weitere Angeklagte für den Bombenwurf am 4. Mai 1886 auf dem Chicagoer Haymarket verantwortlich machte.

Folgende Gründe bieten sich als Erklärung dafür an, dass ein Jahrhundert lang in seiner Heimat und am Ort seiner Geburt kein auffälliges Interesse für das außerordentliche Schicksal des Mannes existierte, der dort am 10. Dezember 1855 als erstes Kind des kurhessischen Försters Wilhelm Heinrich Spieß - aus Gründen leichterer Verständlichkeit in Amerika zu der Schreibweise Spies verändert - geboren wurde; August Spies Mutter Christine entstammte der in Friedewald alteingesessenen Familie Ringler, die dort ein landwirtschaftliches Anwesen besaß, seit 1851 auch verbunden mit einer Gastwirtschaft, für die August Spies Großvater Peter Ringler in dem zwei Jahre zuvor erbauten Haus in der Friedewälder Hauptstraße die Schankerlaubnis erhalten hatte.

Der zweite Grund für die begrenzte Aufmerksamkeit, die sein Lebensweg in Amerika in seiner hessischen Heimat fand, ist bei August Spies selbst zu suchen. Zunächst einmal in der veränderten Schreibweise seines Namens (Spies statt Spieß), bedeutsamer wohl aber durch seine irreführenden Angaben in der im Gerichtsgefängnis in Chicago 1886 verfassten autobiographischen Skizze, in der er den Ort seiner Geburt in die "Trümmer der Raubritterburg Landeck" verlegt.

 


Den 1. Mai 1886 hatten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter Amerikas als Termin bestimmt, an dem sie einen neuen Anlauf für die Durchsetzung des Achtstundentages machen wollten. Die Verhältnisse in Chicago schienen besonders günstig für eine erfolgreiche Durchsetzung der Arbeitszeitverkürzung. Nirgendwo sonst in den USA gab es Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen von vergleichbarer Stärke, in keiner anderen Stadt zeigten sich ähnliche Erfolge bei der Mobilisierung der Arbeiter für den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und gerechtere Entlohnung. Zu dieser Situation hatte hauptsächlich das Wirken der deutschsprachigen Gewerkschaftler und der Sozialisten deutscher Herkunft beigetragen, was nicht weiter verwundern muss, denn 30,7 Prozent der Bewohner Chicagos waren (1880) deutsche Einwanderer der ersten und zweiten Generation, von denen 72,2 Prozent in Arbeiterhaushalten lebten. Und einer der profiliertesten Sprecher der Chicagoer Arbeiterbewegung war seit Anfang der 80er Jahre der 1873 nach Chicago gekommene August Spies, der sich 1877, nach fünf Jahren Aufenthalts in Amerika, der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) angeschlossen hatte, 1880 - nach Aufgabe seines Polsterergeschäfts - Manager und Reporter der Chicagoer Arbeiter-Zeitung und im September 1884 deren leitender Redakteur geworden war. 1880 verließ Spies die Reihen der sozialdemokratisch ausgerichteten SAP und wurde zu einem derMitbegründer der Internationalen Arbeiter-Assoziation, welche die sozialen und gesellschaftlichen Missstände jener Jahre mit einem sozialrevolutionären Programm bekämpfen wollte, an dessen Ausformulierung August Spies maßgeblich beteiligt war.

 Die Versammlung auf dem Chicagoer Haymarket am Abend des 4. Mai 1886 hing nur indirekt mit den Aktionen zur Erkämpfung des Achtstundentages zusammen, ein Ziel, das alle Flügel der Chicagoer Arbeiterrund Gewerkschaftsbewegung - unbeschadet sonstiger ideologischer Differenzen - gemeinsam anstrebten. Die Veranstaltung, deren friedlichen Verlauf der als Beobachter teilnehmende Chicagoer Bürgermeister Carter Harrison bis in kleinste Details bezeugte, war für die Veranstalter enttäuschend schlecht besucht und konnte erst mit großer Verspätung beginnen. Als aufgrund des fortgeschrittenen Zeitpunktes und eines heraufziehenden Unwetters nur noch ca.dreihundert der ursprünglich zwei- bis dreitausend Zuhörer den Worten Samuel Fieldens, des letzten Redners, lauschten - vorher hatten August Spies und Albert Parsons, die bei den Führer der revolutionären Arbeiter Chicagos, gesprochen -, marschierte eine 176 Mann starke Polizei truppe vor die Rednertribüne und erzwang den sofortigen Abbruch der Versammlung, was von den Organisatoren widerspruchslos hingenommen wurde. In dem Augenblick, als Samuel Fielden vom Rednerwagen stieg, wurde von einem bis heute unbekannt gebliebenen Versammlungsteilnehmer eine Bombe mitten hinein in die aufgereihte Polizeitruppe geworfen. Der Polizist Mathias Degan erlag den bei der Explosion erlittenen Verletzungen sofort, sechs weitere Polizisten starben in den Tagen und Wochen danach. Die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten konnte nie exakt ermittelt werden, entsprach aber in etwa der Zahl der Opfer auf Seiten der Polizei, die nach der Bombenexplosion in Panik geriet und mehr oder weniger ziellos um sich feuerte, so dass die meisten Verletzungen nicht die unmittelbare Folge des Bombenwurfes, sondern des anschließenden Gemetzels waren, mit dem die Ordnungshüter auf die Aktion des Unbekannten reagierten.

Der Bombenwurfwurde von Polizei und Justiz den Chicagoer Sozialrevolutionären um Spies und Parsons als Bestandteil einer groß angelegten Verschwörung zum Sturz der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung angelastet; daraufhin wurde dann Anklage wegen Mordes gegen sie erhoben.

 Am 26. Juni 1893 entließ der Gouverneur des Staates Illinois, der 1848 aus dem nassauischen Selters / Sang. in die USA gekommene J. Peter Altgeld, die drei zu fünfzehn Jahren Freiheitsentzug verurteilten "Mitverschwörer" Neebe, Schwab und Fielden aus dem Zuchthaus in Joliet. Seine mehr als 18.000 Wörter zählende Begründung für deren Freilassung bedeutete zugleich auch eine vollständige Annullierung des Urteils, das 1887 an Spies und anderen "Haymarketverschwörern" vollstreckt worden war.

Es ging den in jenen Jahren an dem Chicagoer Prozess beteiligten Justizbehörden und der Polizei weniger um die Wahrheitsfindung und die Bestrafung von kriminell Schuldigen als in erster Linie darum, der sich formierenden Arbeiterbewegung ein für alle Mal den Garaus zu machen. Dieser Eindruck drängt sich auch ein Jahrhundert später auf, wenn man die Berichte über die Vorbereitung und Durchführung des Haymarket Prozesses liest, eines Gerichtsverfahrens, das nicht nur Historiker der Arbeiterbewegung oder amerikakritische Autoren als Justiztravestie, ja sogar als Justizskandal bewerteten, der mit Justizmord an August Spies und seinen Mitangeklagten endete.

Die amerikanische Arbeiterbewegung aber verlor mit August Spies, dem 1872 mit großen Erwartungen auf eine bessere persönliche Zukunft in die Neue Welt gekommenen Försters Sohn aus dem hessischen Friedewald, einen ihrer hervorragendsten Köpfe. Die Erfahrungen in seiner neuen Heimat und die Konfrontation mit deren Missständen hatten ihn veranlasst, mit radikalen Mitteln eine Veränderung und Verbesserung zu erzwingen. Dafür musste er schließlich mit dem Leben büßen.

"Die Zeit wird kommen, da unser Schweigen im Grabe mächtiger sein wird als unsere Reden." Diese letzten Worte von August Spies, die er mit der Schlinge um den Hals am 11. November 1887 rief, sollten sich insofern erfüllen, als am 14. Juli 1889 in Paris den Gründungsmitgliedern der Zweiten Internationale bei der Festlegung auf den 1. Mai als Kampftag für Verkürzung der Arbeitszeit und verbesserte Arbeitsbedingungen das Vermächtnis der Haymarketopfer eindringlich vor Augen stand. 

 

 

Quellennachweis:  August Spiess - Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika von Heinrich Nuhn